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Wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden - helios - 28.11.2019

Zitat:Verbrechen zum Vergessen – wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden

Neulich stellte der «Tages-Anzeiger» eine provokative These auf: «Die Schweiz sollte vom Sozialismus lernen.» Natürlich, so versicherte Kulturredaktor Andreas Tobler, klinge das erst einmal «radikal bekloppt». Mit diesem Satz hätte es der Autor auch bewenden lassen können. Doch Sozialismus heisst für ihn eben nicht nur Diktatur und Gulag, sondern auch Frauenbefreiung. «Die Frauen», so weiss Tobler nämlich, hätten es hinter den mit Sprengfallen und Selbstschussanlagen gesicherten Grenzen viel besser gehabt als in der Schweiz, und zwar alle. Die Führer der Sowjetunion, Bulgariens oder der DDR sorgten nämlich dafür, dass «die Frauen» ausgebildet sowie in den Arbeitsmarkt integriert waren und dank Kinderkrippen auch noch Karriere machen konnten. Die «Strukturen», so Tobler, hätten es den Frauen erlaubt, «unabhängig» zu sein, «ohne die bisherigen Ängste» zu leben und auch noch «besseren Sex» zu haben, denn: «Frauen waren nie gezwungen, eine Ehe aus Vernunft oder Kalkül einzugehen.»

Nie! «Strukturen» sei Dank. Obwohl ein solcher Artikel mehr satirischen als journalistischen Wert hat, gibt es für so etwas durchaus ernsthaften Applaus in den sozialen Netzwerken – etwa von der Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Dreissig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist der nonchalante Umgang mit dem Erbe kommunistischer Ideologien und Diktaturen denn auch weit verbreitet. Und anders als in Osteuropa, wo die Menschen unter der kommunistischen Günstlings- und Willkürherrschaft zu leiden hatten, ist der Sozialismus im Westen gemäss Umfragen wieder «in», das Wissen über ihn jedoch sehr beschränkt.

Das liegt zum einen daran, dass faschistische Verbrechen im deutschsprachigen Raum viel präsenter sind. Selbst die Frage, ob Hitler wirklich ein Crystal-Meth-Junkie war, beschäftigt die Öffentlichkeit mehr als die scheinbare Nebensächlichkeit, dass Hitler seinen Vernichtungskrieg erst dank einem Pakt mit dem sowjetischen Diktator Stalin lostreten konnte. Angesichts der Tatsache, dass der Holocaust ein singuläres Verbrechen war, ist das durchaus berechtigt. Es hat aber auch dazu geführt, dass die Opfer kommunistischer Diktaturen – ihre Zahl wird auf bis zu 100 Millionen geschätzt – als nicht so wichtig oder gar vernachlässigbar gelten.

Kultur der Ignoranz

Ein abschreckendes Beispiel in Sachen Einseitigkeit liefern moderne Schweizer Lehrmittel. So handelt das preisgekrönte Werk «Gesellschaften im Wandel» den Nationalsozialismus auf rund zwanzig Seiten ab. Von den Bolschewiki erfährt man dagegen nur, dass sie eine Diktatur errichteten und den Menschen «keineswegs Glück und Freiheit» brachten. Über Schauprozesse, Folter, Völkermord, Massenerschiessungen oder Gulag verlieren die Autoren kein Wort. Auch der Hitler-Stalin-Pakt existiert nicht. Dafür wird die Blockfreienbewegung lobend erwähnt. Dieser Staatenklub, dem so illustre Gestalten wie Nicolae Ceausescu und Kim Il Sung angehörten, soll sich nämlich dafür eingesetzt haben, «dass die Menschenrechte geachtet werden».

Das Schulbuch «Geschichte der Neuzeit» enthält zwar eine «Bilanz des Totalitarismus», im Text geht es dann aber fast nur um das «Dritte Reich». Umso gründlicher werden die Schweizer 68er gewürdigt, allerdings bleibt auf sechzehn Seiten kein Platz, um ihre kolossalen ideologischen Verirrungen aufzuzeigen. Sie hätten sich, so ist kurz und knapp zu lesen, unter anderem mit «Maos Kulturrevolution» identifiziert. Was diese «Revolution» war – ein Massaker mit öffentlichen Hinrichtungen, Folterungen und Millionen Toten –, wird dem Leser genauso wenig verraten wie die Tatsache, dass 68er-Parteien wie die Progressiven Organisationen Glückwunschtelegramme an Walter Ulbricht schickten und die sowjetischen Verbrechen in Ungarn und der Tschechoslowakei bejubelten.

Das alles trägt zu einer Kultur der Ignoranz, des Nichtwissenwollens, und des Relativierens bei, von der Ideologen, Opportunisten und journalistische Thesenritter gleichermassen profitieren. Das zeigt auch der oben erwähnte «Tages-Anzeiger»-Artikel. Wohl als originelle Provokation gedacht, sind Hymnen auf die (also kollektiv) «unabhängigen» Ostfrauen ein Evergreen aus dem Leierkasten von Ostalgikern, die zu beweisen versuchen, dass im Sozialismus ja «nicht alles schlecht war». Die These von den glücklichen Frauen stimmt jedoch nur, wenn man so einiges ausblendet. Sie ist zudem verharmlosend, weil sie Parteidiktaturen gute Absichten unterstellt, die ihre Bürger durch Indoktrination, notfalls aber auch mit psychischer Folter und Gefängnis zu folgsamen Geschöpfen erziehen wollten. Die DDR-Führung zum Beispiel versuchte zwar alles, um die Frauen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Ebenso war die DDR in Sachen Gleichstellungsgesetzen und Betreuungsangeboten viel fortschrittlicher als westliche Staaten wie die BRD oder die Schweiz.

Nur: Die angeblich so progressiven Genossen Ulbricht und Honecker hatten gar keine andere Wahl, als weibliche Arbeitskräfte zu rekrutieren, weil bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 Hunderttausende Bürger aus ihrem «Arbeiterparadies» flüchteten. Das Machtzentrum der DDR, das Politbüro der SED, war bis in die 1980er Jahre ein reiner Männerklub. Und dass die einzige Ministerin Margot Honecker hiess, war ebenfalls kein Zufall – wobei eben diese gnadenlose Ideologin (Spitzname: «Lila Drache») sorgte dafür, dass Staatsorgane Tausenden Frauen die Kinder wegnahmen, wegen «staatsfeindlicher Hetze» oder Fluchtversuchen.

Die in der DDR aufgewachsene Historikerin Anna Kaminsky hat denn auch zum Ärger vieler Sozialismus-Verklärer nachgewiesen, dass Frauenförderung für die Parteiführung ein «Kollateralschaden» und im Alltag ein Mythos war: Wie im Westen hätten sich Frauen auch noch um Haushalt kümmern müssen, womit an Freizeit und Selbstverwirklichung nicht zu denken gewesen sei. Geschiedene Paare mussten zum Teil gar jahrelang in derselben Wohnung ausharren, weil der Staat leider keine neue für sie Wohnung parat hatte. All das unterschlägt der «Tages-Anzeiger», oder es ist ihm nicht bekannt. Hauptsache, die These klingt gut.

Je weiter eine sozialistische Diktatur geografisch und kulturell von der Schweiz entfernt ist, desto dreister können die Geschichtsklitterer zu Werke gehen. Das gilt nicht nur für jene Maoisten, die an der 1.-Mai-Feier in Zürich regelmässig die Werke Maos und Stalins preisen, ohne dass jemand etwas Böses ahnt. Denn die wirtschaftliche Potenz der chinesischen Kommunisten macht sie mittlerweile auch in rechtsbürgerlichen Kreisen attraktiv. So verfolgt die «Weltwoche» seit einiger Zeit einen auffällig chinafreundlichen Kurs. In Zusammenarbeit mit der chinesischen Botschaft publizierte das Heft im letzten Jahr eine Sondernummer, inklusive Abriss über die chinesische Geschichte. Die Kulturrevolution wird mit einem Bild jubelnder Parteigänger abgehandelt, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz (1989) mit einem einzigen Satz: «Ereignis auf dem Tiananmen-Platz.» Wenn also Hunderte Studenten und Demonstranten erschossen und von Panzern überrollt werden, ist das ein «Ereignis». Eine interessante Formulierung, besonders für ein Blatt, das angeblich als einziges dem Motto «schreiben, was ist» nachlebt.

Ein ähnlich opportunistisches Verhalten offenbarten bürgerliche Geschäftsleute im Kalten Krieg: Offiziell fanden sie die Kommunisten ganz schlimm, mit ihnen handeln wollten sie trotzdem. Der Kalte Krieg liefert paradoxerweise eine weitere Erklärung für die Nachsicht, die kommunistischen Ideen heute ausgerechnet in der Schweiz entgegengebracht wird. Hier war der Antikommunismus Staatsideologie, Anhänger der Partei der Arbeit (PdA) wurden geächtet und erhielten Berufsverbote. Die Hysterie ging so weit, dass der Staatsschutz Hunderttausende Bürger überwachen liess. Diese Hysterie hat jedoch jeglichen Antikommunismus diskreditiert, was wiederum jenen «Nonkonformisten», 68ern und linken SP-lern zugutekam, die einst Pro-stalinistisch waren und das heute gerne verwedeln.

Engel und Märtyrer

Der Fokus auf den Antikommunismus als vermeintliches grösseres Übel ist heute Mainstream, besonders in den Medien oder an Hochschulen und Universitäten. Das zeigt sich unter anderem darin, dass Vertreter linksextremer Ideologien oft nur als edel gesinnte Opfer einer verbohrten Gesellschaft erscheinen, ohne dass man Näheres über ihre Verstrickungen mit dem roten Totalitarismus erfährt. Für den linken Historiker Jakob Tanner etwa sind sämtliche Schweizer Spanienkämpfer «Menschen, denen Demokratie und Menschenrechte wichtiger waren als nationale Mythen». In der Realität waren 60 Prozent von ihnen Anhänger der Kommunistischen Partei, die zu jener Zeit gerade Stalins groteske Schauprozesse beklatschte. Besonders ins Zeug legte sich dabei der Zürcher Kommunist Theo Pinkus, der heute genauso als Vorzeige-Opfer des Fichenstaats gilt wie der Philosoph Konrad Farner. Über den ist im Historischen Lexikon der Schweiz einzig zu lesen, er sei 1956 «von einer antikommunistisch aufgehetzten Bevölkerung terrorisiert» worden. Das stimmt – aber hätte man nicht zumindest erwähnen können, dass er ein führender Kopf der PdA war, die «den genialen Erbauer des Kommunismus» (aka Stalin) ebenso feierte wie die Verfolgung osteuropäischer Demokraten?

Der Sozialdemokrat Fritz Platten hat bereits in den 1960er Jahren davor gewarnt, aus Leuten wie Farner Engel und Märtyrer zu machen. Denn für die Demokratie hätten sie bestimmt nicht gelitten. Platten wusste, wovon er redete: Sein Vater, Fritz senior, war ein enger Gefährte Lenins, wurde dann aber 1942 wie Tausende andere als «Verräter» erschossen – was Farner und die PdA lange zu vertuschen versuchten. Was würde Platten wohl heute dazu sagen, dass die Schweiz von dieser Art Sozialismus lernen sollte? «Radikal bekloppt»?

https://www.nzz.ch/meinung/wie-sozialistische-diktaturen-verharmlost-werden-ld.1524907

Als ich den Kommentar bei der NZZ gelesen habe, dachte ich mir noch, der übertreibt doch maßlos.
So suchte ich eben auch den besagten Kommentar in der Weltwoche und stellte fest, dass Andreas Tobler der vermutlich selbst die DDR nur noch aus Erzählungen kennt, den Sozialismus mit seinen "Beglückungen" tatsächlich zu einer Art feministen Wunderland verklärte. Einzige Beanstandung: Der besagt Kommentar ist online beim Tagesanzeiger zu finden und nicht in der Weltwoche!

Hier zum Nachlesen:

https://www.tagesanzeiger.ch/contentstationimport/die-schweiz-solltevom-sozialismus-lernen/story/19004936

Ich frag mich da wirklich, wie verkommen muss ein Linker (die Linke) sein, der die kommunistischen Regimes mit seinen hunderten Millionen Toten in einem äußerst eng begrenzten Themenbereich zum Schlaraffenland hochhebt und dabei auch noch wsentlich Eckdaten dieser Entwicklung einfach mal außer lässt.
Müssen diese Schreiberling erst wieder in einer DDR Diktatur leben um zu begreifen, welchen Bullshit sie da eigentlch verzapfen.
Dann brauchen sie nur ein wenig zu warten, denn solch geschriebene Verharmlosung der kommunistischen Verbrechen leisten genau jenen linksextremen Kräften Vorschub.


RE: Wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden - MaryCooper - 28.11.2019

Geschichtsvergessenheit und die damit einhergehende Verherrlichung des Kommunismus ist sehr gefährlich.
Es fing bei uns z.T. recht harmlos an mit der sogen "Ostalgie". Rotkäppchen-Sekt und Spreewaldgurken wurden zu kulinarischen Highlights. Und plötzlich war nicht mehr alles schlecht an der DDR - war es ja vielleicht auch tatsächlich nicht. Aber das Zurücksehnen nach dem Arbeiter- und Bauernparadies*  legte einen Schleier über die Schrecken dieses scheinbaren Paradieses. Und die westlichen Salonbolschewisten sind nur zu gerne darauf angesprungen.

Vergessen sind die Stasi-Foltergefängnisse wie Hohenschönhausen. Ein Bekannter von mir war als ganz junger Mann zweimal in einem Stasiknast (insgesamt fast 5 Jahre), bevor er Mitte der 80er Jahre von der BRD freigekauft wurde.

Und ja, es gab eine allumfassende staatliche Kinderbetreung und jede Frau konnte/musste berufstätig sein. Aber vergessen wird mittlerweile auch, dass Kleinkinder ihren politisch unbequemen Eltern weggenommen wurden und einem linientreuen Ehepaar übergeben wurden. So geschehen einer Freundin von mir, die erst vor ein paar Jahren nach dem Tod ihres vermeintlichen Vaters erfuhr, dass auch sie so ein Kind war. Als Erwachsene wurde auch ihr angedroht, dass man ihr die Kinder wegnehmen wird, wenn sie ihre Einstellung zur DDR nicht ändert. Kurz danach fiel die Mauer, und für sie wurde alles gut.
Und so war es nicht nur in der DDR, sondern im gesamten Ostblock.

Und jetzt wird anscheinend vergessen, dass unter Stalin mehr Menschen ihr Leben ließen, als unter der NS-Herrschaft. Stalin ließ das eigene Volk abschlachten. Ein Massenmörder. Und Mao war kein Jota besser. In China herrscht immer noch ein menschenverachtendes brutales Regime. Der Kommunismus herrscht weltweit mit brutalster Unterdrückung. Castro "befreite" seinerzeit die Kubaner von der Batista-Diktatur, um eine noch grausamere Diktatur zu errichten.
Es gibt so viele Beispiele dafür, die zeigen, dass der Kommunismus immer diktatorisch ist und scheitert.
Aber unsere Linken begreifen das nicht - oder wollen es nicht begreifen, weil sie die Diktatur lieben.

Ich bin ein Kind der gemütlichen Bonner Republik, und natürlich war ich als Jugendliche links und hätte ein Che Guevara-poster in meinem Zimmer hänge (nein, nicht das, das ihn mit einer Baskenmütze mit einem Stern drauf im Halbprofil zeigt, sondern eines, in dem er eine fette Havanna raucht).
Auch wenn nicht alles gut war und schon lange nicht mehr gut ist, seit es wieder eine Berliner Republik ist- rückblickend bin ich dankbar, dass ich nicht unter der Fuchtel der Sowjets aufwuchs, sondern unter der der Amis - dem kleineren der beiden Übel.

*) diese Bezeichnung ist ein Hohn, denn die privaten landwirtschaftlichen Betriebe wurden verstaatlicht und zu Kolchosen; die Bauern, also die Eigentümer, wurden enteignet. Es gab also gar keine Bauern.


RE: Wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden - Daisy - 28.11.2019

(28.11.2019, 21:11)MaryCooper schrieb: Vergessen sind die Stasi-Foltergefängnisse wie Hohenschönhausen.

Und vergessen ist auch, dass die eigenen Leute an der Grenze erschossen wurden, nur weil sie RAUS wollten. Spricht man die etwas ältere Generation Ostdeutsche darauf an, kriegt man so lapidare Sprüche zu hören wie "Man wusste ja, dass das passieren kann, dann hat man es halt nicht gemacht". Und schon war die Welt in Ordnung. Da könnte ich regelmäßig kotzen.


RE: Wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden - MaryCooper - 28.11.2019

(28.11.2019, 21:31)Daisy schrieb:
(28.11.2019, 21:11)MaryCooper schrieb: Vergessen sind die Stasi-Foltergefängnisse wie Hohenschönhausen.

Und vergessen ist auch, dass die eigenen Leute an der Grenze erschossen wurden, nur weil sie RAUS wollten. Spricht man die etwas ältere Generation Ostdeutsche darauf an, kriegt man so lapidare Sprüche zu hören wie "Man wusste ja, dass das passieren kann, dann hat man es halt nicht gemacht". Und schon war die Welt in Ordnung. Da könnte ich regelmäßig kotzen.
Stimmt, das mit dem Schießbefehl hatte ich auch vergessen (in meiner Aufzählung, aber eigentlich waren es nur Beispiele) und vieles mehr.
Aber das ist ein wichtiger Punkt.


RE: Wie sozialistische Diktaturen verharmlost werden - helios - 29.11.2019

Umso erstaunlicher ist es, wenn man heute von Sozialistischen Paradies schwärmt.
Ich sehe dabei nicht nur diese romantisierende Sicht auf die DDR, sondern auch was hierzulande (damit meine ich Österreich wie auch Deutschland) über so Arbeiteroaradiese wie Venezuela erzählt wird.

Und war ich besonders erschreckend finde: Die Medien (die nachgewiesenermaßen links durchsetzt sind) transportieren ohne Scham diese Narrative.